Auswärtssieg in München
Je später die Nacht wurde im Clubhaus des HLC Rot-Weiß am Grasweg und viel später wohl auch noch in anderen Lokalitäten der Münchner Innenstadt, desto blumiger wurde der Austausch von Anekdoten rund um dieses Münchner Stadtderby ausgetragen. Es war ein Abend, an dem viel erzählt wurde. Es war so eine Nacht, in der kleine Legenden entstehen. Es war ein Abend, an den man sich in den Reihen der Rot-Weißen sicher noch länger zurückerinnern wird.
Nüchtern betrachtet ist der Ablauf des Spiels schnell erzählt: Die ohne fünf Stammspieler angetretenen Gäste überraschten den favorisierten Tabellenzweiten MSC mit einer defensiven Raumdeckung, gegen die dem Gastgeber trotz größerer Spielanteile das gesamte Spiel über zu wenig Konstruktives einfiel. Rot-Weiß setzte mit schnellen Kontern immer wieder Nadelstiche, ging früh in Führung und war dann vor allem in der zweiten Halbzeit vor dem Tor eiskalt. Die 1:0-Halbzeitführung durch ein von Mike Christoph schön aufgelegtes Körper-Tor, baute Graumann mit einem kraftvollen Solo und erneut Körper durch einen entschlossenen Eckenschlenzer bis Mitte der zweiten Halbzeit auf 3:0 aus. Die Anschlusstore des Sportclubs durch Stephan und Rommel fielen zu spät, um noch mal Spannung aufkommen zu lassen.
Doch freilich bot auch dieses Derby vor allem aus der Sicht der Sieger weit mehr Stoff, als die trockene Übermittlung der Torfolge. Die Geschichte des Spiels begann für die Rot-Weißen bereits am Dienstagabend vergangener Woche, als man sich anstelle des Trainings zu einer gut zweistündigen Mannschaftsaussprache traf, in der „ein paar grundlegende Teaminterna zur Sprache kamen“, wie es Trainer Felheim beschreibt. „Dass nach den letzten Resultaten nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen herrschte, versteht sich von selbst“, gibt Rainer Kraile einem wagen Einblick in die Stimmung der Krisensitzung. Im Rückblick lässt sich diese Aussprache als ein wichtiger Baustein zum Derbyerfolg interpretieren: „Heute stand ein Team auf dem Platz, in dem jeder Einzelne 70 Minuten Alles gegeben hat, für den anderen rannte und unbedingt gewinnen wollte“, äußerte sich der völlig erschöpfte Kapitän nach dem Spiel glücklich. Der unbedingte Wille der Akteure konnte dann auch das ein oder andere spielerische Defizit überdecken. Seiner Personallage, der derzeitigen Form und dem Gegner entsprechend musste Rot-Weiß die Spielweise anpassen. In der Defensive spielte man im Raum statt gegen den Mann und sparte so die Kraft, die es für ein 70 Min. langes intensives Hockeyspiel bei angespannter Personaldecke brauchte. Bei Ballbesitz kombinierte man selten über die eigentlichen Kreativspieler im Mittelfeld, sondern agierte oft ganz humorlos mit lang geschlagenen Bällen und schnellen Kontern. „Es ging nicht um einen Schönheitspreis, sondern um die klare Umsetzung von taktischen Vorgaben. Ich muss meinem Team ein Lob aussprechen, wie es das heute gemacht hat.“ Das alles hätte gegen den Tabellenzweiten wohl nicht gereicht, wenn man vor dem Tor so uneffektiv geblieben wäre, wie zuletzt oft. Und das alles hätte auch wenig genutzt, wenn man in Torwart Lorenz Neff nicht einen hervorragenden Rückhalt gehabt hätte. Was durch das Abwehrbollwerk um die starken Innenverteidiger Rabe und Graumann noch hindurch kam, entschärfte der 23-jährigen Keeper in seinem skurriler Weise erst ersten Feldderby teilweise bravourös. „Irgendwann hatten sie mich auch wirklich warmgeschossen,“ sagte Neff nach dem Spiel und fügte im Wegehen schmunzelnd hinzu: „Es war eines meiner besseren Spiele.“ Heute hatte Alles gepasst für die Gäste.
Die Lehren und Auswirkungen des Spiels sollen, wenn es nach Trainer Felheim geht, weit längerfristig halten, als die vermeintlichen Kopfschmerzen einiger Akteure am Sonntag-Morgen nach einer langen Nacht: „Es war in erster Linie nur überlebenswichtiger Dreier im Abstiegskampf, den wir eigentlich schon in Ludwigsburg oder gegen TusLi hätten holen müssen. Aber ein Derbysieg ist natürlich immer etwas Besonderes. Ich hoffe, dass uns das Motivation, aber auch Selbstvertrauen gibt für die nächsten Aufgaben. Schade, dass jetzt erstmal Pause ist“, bilanzierte Trainer Felheim zum Ende der Hinrunde, richtet dann seinen Blick auf die verletzten Spieler, die sich am Spielfeldrand in zivil gekleidet mit den völlig durchnässten Aktiven in den Armen lagen, und murmelte: „Na ja, eigentlich vielleicht doch besser.“